Grafikeditor ohne Werkzeugleiste
Vom Brechen einer 50-jährigen UX-Tradition und einem überraschenden Effekt
daniel@squaresight.io Juli 2026
Anfänge der Mensch-Computer-Interaktion
Frühe Computer wurden als reine Rechenmaschinen gesehen, füllten ganze Räume und eine direkte Interaktion mit dem Nutzer war nicht möglich. Stattdessen war es häufig so, dass eine Eingabe sorgfältig geplant und auf Lochkarten gestanzt werden musste. Ein Techniker sammelte Karten von mehreren Nutzern und setzte sie stapelweise in das Lesegerät des Computers. Nach einer Wartezeit, die Stunden oder auch mal Tage dauern konnte, erfolgte die Ausgabe in gedruckter Form.
Geradezu revolutionär war da Sketchpad Anfang der 1960er Jahre. Es ermöglichte eine direkte Interaktion in Echtzeit mit grafischen Objekten auf dem Bildschirm, um Vektorzeichnungen iterativ zu erstellen.
Die Bedienung von Sketchpad erfolgte beidhändig. Mit dem Lichtgriffel in einer Hand konnte eine Position auf dem Bildschirm markiert werden. Mit der anderen Hand konnten Befehlstasten gedrückt werden.
Obwohl sich die Befehlstastatur in vielen Fotos zu Sketchpad vor dem Bildschirm auf dem Tisch befindet, ist sie in einem Video vom Computer History Museum [1] links neben dem Bildschirm angeordnet. Das ähnelt den späteren Werkzeugleisten. Allerdings werden die Tasten bei Sketchpad nur für Befehle verwendet und das Bedienkonzept sieht keine Umschaltung von Werkzeugen vor.
Augmentation Research Center
Sketchpad zeigte, dass ein Computer weit mehr als eine Rechenmaschine sein kann. Ebenfalls Anfang der 1960er Jahre und unabhängig von Sketchpad gründete Doug Engelbart das Augmentation Research Center, um neue Möglichkeiten zu finden, wie der Computer den Menschen unterstützen und seine Denkfähigkeit erweitern kann.
Doug Engelbart präsentierte 1968 das NLS (oN-Line System) als Ergebnis dieser Arbeit. NLS ermöglichte das Bearbeiten von strukturierten Dokumenten, die aus Text und Grafik bestanden.
Wie bei Sketchpad sind beide Hände für die Bedienung des NLS vorgesehen, wobei der Lichtgriffel durch eine Drei-Tasten-Maus ersetzt wurde. Zusätzlich zur normalen Tastatur gab es für die zweite Hand eine weitere Tastatur mit fünf Tasten, die auch als Akkordtastatur bezeichnet wird.
Xerox PARC
So beeindruckend die Möglichkeiten des NLS waren, so hoch war auch der Lernaufwand für die Benutzung. Dieser wurde jedoch von Doug Engelbart als notwendig angesehen, um das volle Potenzial auszuschöpfen. Es gab aber auch Forscher, die eine einfache Bedienung als Grundlage für einen Erfolg der zukünftigen Personal Computer sahen.
Xerox PARC (Palo Alto Research Center) bot Forschern dafür ab Anfang der 1970er Jahre ein Labor, um neue Interaktionskonzepte zu entwickeln. Einige Mitarbeiter des Augmentation Research Center wechselten daraufhin zu PARC.
Mit dem Xerox Alto stand ab 1973 ein selbstentwickelter Computer zur Verfügung, der für die Eingabe, wie bei Engelbarts NLS, neben einer normalen Tastatur auf eine Drei-Tasten-Maus und eine Akkordtastatur setzte. Mit dem Xerox Star folgte 1981 ein weiterer Computer, wo der Trend zur Vereinfachung auch bei den Eingabegeräten sichtbar war: Die Maus hatte nur noch zwei Tasten und die Akkordtastatur fiel weg.
Bei PARC wurden mehrere Grafikeditoren entwickelt. In SuperPaint kann von der Zeichenfläche zu einer bildschirmfüllenden Werkzeugpalette gewechselt werden [3]. In Markup kann stattdessen eine Palette beim Mauszeiger eingeblendet werden [4a]. Kurz nach Markup entstand Draw ab etwa 1975 [5], das eine Werkzeugleiste neben der Zeichenfläche besitzt. Im Video vom Computer History Museum [4b] wird allerdings eine späte Version von 1980 gezeigt, sodass nicht klar ist, ob die Werkzeugleiste schon von Anfang an enthalten war.
Etwas genauer datierbar ist die Werkzeugleiste von BitRect in Smalltalk-76. Smalltalk war eines der wichtigsten Projekte bei PARC und ist eine objektorientierte, interaktive Programmierumgebung. BitRect ist dabei ein interaktives Objekt.
„This was something a drawing program that anticipated MacPaint by quite a few years. I guess this was done right about 1976. […] Here we have a menu of tools that you can use.“
Neben Grafikeditoren wurden bei PARC auch Texteditoren entwickelt. Besonders bemerkenswert ist dabei Gypsy aus dem Jahr 1975. Dort kam erstmalig ein modusloses Interface zum Einsatz, woran Larry Tesler maßgeblich beteiligt war. Er sah die Reduzierung von Modi als wichtiges Kriterium für eine einfache Bedienung an und setzte sich stark dafür ein, dass Software moduslos wird.
Fun Fact: Larry Tesler galt als einer der größten Befürworter von moduslosen Interfaces. Er ließ sich für sein Auto ein Kennzeichen mit der Aufschrift NOMODES anfertigen und nutzte die Webadresse www.nomodes.com.
Apple
Einige Mitarbeiter von Apple erhielten 1979 eine Führung durch das Xerox PARC und waren begeistert von den Möglichkeiten der grafischen Benutzeroberflächen. Sie durften sich mit Erlaubnis von Xerox davon inspirieren lassen und entwickelten viele Ideen weiter.
Aber nicht nur Ideen wanderten zu Apple. So wie einst Forscher von Augmentation Research Center zu PARC wechselten, gingen nun einige von PARC zu Apple, um an den Lisa- und Macintosh-Projekten mitzuarbeiten. Darunter war Larry Tesler, der 1980 hinzukam und sich in einer leitenden Position für ein modusloses Design aller Applikationen einsetzte.
„The Lisa software engineers internalized modeless editing principles and found clever ways to make their applications modeless. My job was to manage them and make evidence-based decisions about the design of the interface.“
Ein modusloses Bedienkonzept, das bei Xerox PARC bereits erfolgreich bei einem Texteditor umgesetzt wurde, sollte nun auch bei einem Grafikeditor eingeführt werden. Dabei wurde der gleiche Ansatz wie beim Texteditor verfolgt: Der Nutzer nimmt zuerst eine Auswahl vor und führt dann einen Befehl aus.
„The Lisa editor was modeless in that you would stretch out a rectangle of marching ants [Auswahlrahmen mit animierter Strichelung], and then say ‚Put an oval in it‘ […]. You'd get no feedback that you were making an oval. And when you thought about making a curved line, that became ridiculous, stretching out a rectangle that was going like this and now saying ‚put a curved line in it,‘ that was a joke.“
Bill Atkinson war im Team von Larry Tesler und teilte dessen Leidenschaft für einfache Bedienkonzepte. Er erkannte, dass dieser Ansatz für einen moduslosen Grafikeditor zu umständlich war und es ein Zeichenwerkzeug geben sollte. Obwohl er ebenfalls ein modusloses Konzept bevorzugte, sah er einen Stift oder einen Radierer in der Hand als einen natürlichen Modus und schlug dafür eine bewusste Ausnahme vor.
„I was arguing that we needed to be in a mode for the creation stroke, like you grab a crayon and you draw with it and every stroke you make a crayon mark. You pick it up. Instead, a marker and every stroke is a marker or an eraser and these are really modes. You're in eraser mode.“
Anders als bei Xerox PARC, wo Forscher ohne Zeitdruck Lösungen entwickeln konnten, stand bei Apple der zeitnahe Marktstart des Lisa- und Macintosh-Computers bevor. Um die knappe Zeit optimal auszunutzen, hat Bill Atkinson oft nachts Software gebaut, die dann tagsüber von anderen getestet wurde. Er schlug eine Werkzeugleiste vor, um das Problem mit der Zeichen-App zu lösen und erstellte dafür ein Testprogramm.
„So, I had to make a little mock up. I realized, okay, if there's going to be a mode for the tool that you're in, that mode has to be in front of your face and visible, so that at least it isn't a hidden mode. If you select a tool from a menu, it's not really in front of you like a palette, and that was the origin of a tool palette; I wanted to put it out there on the screen. You can see at any moment at a glance, what tool am I in? Is this stroke going to erase some stuff or going to draw with marker or et cetera?“
Für die Tests wurden bewusst auch Nutzer ohne Computererfahrung ausgewählt, um zu beurteilen, wie selbsterklärend ein Interface ist. Bill Atkinsons Werkzeugleiste war dabei erfolgreich und er konnte damit sein Team überzeugen. Daraufhin enthielten alle drei Grafikeditoren, die sich zu dieser Zeit bei Apple in Entwicklung befanden, eine Werkzeugleiste: LisaDraw, MacDraw und MacPaint. Der Lisa-Computer kam mit LisaDraw 1983 auf den Markt und der Macintosh mit MacDraw und MacPaint ein Jahr später.
Der Trend zur Vereinfachung war auch bei der Lisa- und Macintosh-Maus sichtbar, die nur noch eine Taste hatte. Das wurde später von einem Miterfinder der Drei-Tasten-Maus und Mitarbeiter von Doug Engelbart scherzend als one of the greatest mistakes in product history
[10] bezeichnet. Erst 2005 führte Apple mit der Mighty Mouse wieder die Option für eine zweite Taste ein und 2009 mit der Magic Mouse zusätzlich Touchgesten. Multitouchgesten wie auf den MacBook-Trackpads sind nicht mehr selbsterklärend, ermöglichen aber eine effektivere Nutzung, was ganz im Sinne von Doug Engelbart war.
Auch andere Firmen wie Adobe setzten nach MacPaint auf eine Werkzeugleiste, wobei die Anzahl der Werkzeuge immer weiter erhöht wurde. So passten bei Photoshop 1.0 aus dem Jahr 1990 noch alle Werkzeuge in die Leiste. Später reichte der Platz nicht mehr aus und die Leiste bekam Menüs. Auch Larry Tesler scheint seinen Frieden mit der Werkzeugleiste gefunden zu haben:
„As for graphics editors, I agree with the common wisdom that modes can be good when they support a metaphor like picking up a brush, and when feedback identifying the current mode is displayed where the user is almost certain to be looking.“
Es kann aber sicherlich angenommen werden, dass Larry Tesler einen moduslosen Grafikeditor sehr geschätzt hätte. Aber wie könnte ein neuer Ansatz dafür aussehen? Oder ist das prinzipiell nicht sinnvoll lösbar?