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Grafikeditor ohne Werkzeugleiste

Vom Brechen einer 50-jährigen UX-Tradition und einem überraschenden Effekt

daniel@squaresight.io Juli 2026

Anfänge der Mensch-Computer-Interaktion

Frühe Computer wurden als reine Rechenmaschinen gesehen, füllten ganze Räume und eine direkte Interaktion mit dem Nutzer war nicht möglich. Stattdessen war es häufig so, dass eine Eingabe sorgfältig geplant und auf Lochkarten gestanzt werden musste. Ein Techniker sammelte Karten von mehreren Nutzern und setzte sie stapelweise in das Lesegerät des Computers. Nach einer Wartezeit, die Stunden oder auch mal Tage dauern konnte, erfolgte die Ausgabe in gedruckter Form.

Geradezu revolutionär war da Sketchpad Anfang der 1960er Jahre. Es ermöglichte eine direkte Interaktion in Echtzeit mit grafischen Objekten auf dem Bildschirm, um Vektorzeichnungen iterativ zu erstellen.

Sketchpad
Sketchpad [1]

Die Bedienung von Sketchpad erfolgte beidhändig. Mit dem Lichtgriffel in einer Hand konnte eine Position auf dem Bildschirm markiert werden. Mit der anderen Hand konnten Befehlstasten gedrückt werden.

Obwohl sich die Befehlstastatur in vielen Fotos zu Sketchpad vor dem Bildschirm auf dem Tisch befindet, ist sie in einem Video vom Computer History Museum [1] links neben dem Bildschirm angeordnet. Das ähnelt den späteren Werkzeugleisten. Allerdings werden die Tasten bei Sketchpad nur für Befehle verwendet und das Bedienkonzept sieht keine Umschaltung von Werkzeugen vor.

Augmentation Research Center

Sketchpad zeigte, dass ein Computer weit mehr als eine Rechenmaschine sein kann. Ebenfalls Anfang der 1960er Jahre und unabhängig von Sketchpad gründete Doug Engelbart das Augmentation Research Center, um neue Möglichkeiten zu finden, wie der Computer den Menschen unterstützen und seine Denkfähigkeit erweitern kann.

Doug Engelbart präsentierte 1968 das NLS (oN-Line System) als Ergebnis dieser Arbeit. NLS ermöglichte das Bearbeiten von strukturierten Dokumenten, die aus Text und Grafik bestanden.

NLS
NLS [2]

Wie bei Sketchpad sind beide Hände für die Bedienung des NLS vorgesehen, wobei der Lichtgriffel durch eine Drei-Tasten-Maus ersetzt wurde. Zusätzlich zur normalen Tastatur gab es für die zweite Hand eine weitere Tastatur mit fünf Tasten, die auch als Akkordtastatur bezeichnet wird.

Xerox PARC

So beeindruckend die Möglichkeiten des NLS waren, so hoch war auch der Lernaufwand für die Benutzung. Dieser wurde jedoch von Doug Engelbart als notwendig angesehen, um das volle Potenzial auszuschöpfen. Es gab aber auch Forscher, die eine einfache Bedienung als Grundlage für einen Erfolg der zukünftigen Personal Computer sahen.

Xerox PARC (Palo Alto Research Center) bot Forschern dafür ab Anfang der 1970er Jahre ein Labor, um neue Interaktionskonzepte zu entwickeln. Einige Mitarbeiter des Augmentation Research Center wechselten daraufhin zu PARC.

Mit dem Xerox Alto stand ab 1973 ein selbstentwickelter Computer zur Verfügung, der für die Eingabe, wie bei Engelbarts NLS, neben einer normalen Tastatur auf eine Drei-Tasten-Maus und eine Akkordtastatur setzte. Mit dem Xerox Star folgte 1981 ein weiterer Computer, wo der Trend zur Vereinfachung auch bei den Eingabegeräten sichtbar war: Die Maus hatte nur noch zwei Tasten und die Akkordtastatur fiel weg.

Bei PARC wurden mehrere Grafikeditoren entwickelt. In SuperPaint kann von der Zeichenfläche zu einer bildschirmfüllenden Werkzeugpalette gewechselt werden [3]. In Markup kann stattdessen eine Palette beim Mauszeiger eingeblendet werden [4a]. Kurz nach Markup entstand Draw ab etwa 1975 [5], das eine Werkzeugleiste neben der Zeichenfläche besitzt. Im Video vom Computer History Museum [4b] wird allerdings eine späte Version von 1980 gezeigt, sodass nicht klar ist, ob die Werkzeugleiste schon von Anfang an enthalten war.

Draw
Draw [4b]

Etwas genauer datierbar ist die Werkzeugleiste von BitRect in Smalltalk-76. Smalltalk war eines der wichtigsten Projekte bei PARC und ist eine objektorientierte, interaktive Programmierumgebung. BitRect ist dabei ein interaktives Objekt.

„This was something a drawing program that anticipated MacPaint by quite a few years. I guess this was done right about 1976. […] Here we have a menu of tools that you can use.“
— Dan Ingalls [6a]
BitRect
BitRect [6a]

Neben Grafikeditoren wurden bei PARC auch Texteditoren entwickelt. Besonders bemerkenswert ist dabei Gypsy aus dem Jahr 1975. Dort kam erstmalig ein modusloses Interface zum Einsatz, woran Larry Tesler maßgeblich beteiligt war. Er sah die Reduzierung von Modi als wichtiges Kriterium für eine einfache Bedienung an und setzte sich stark dafür ein, dass Software moduslos wird.

Fun Fact: Larry Tesler galt als einer der größten Befürworter von moduslosen Interfaces. Er ließ sich für sein Auto ein Kennzeichen mit der Aufschrift NOMODES anfertigen und nutzte die Webadresse www.nomodes.com.

Apple

Einige Mitarbeiter von Apple erhielten 1979 eine Führung durch das Xerox PARC und waren begeistert von den Möglichkeiten der grafischen Benutzeroberflächen. Sie durften sich mit Erlaubnis von Xerox davon inspirieren lassen und entwickelten viele Ideen weiter.

Aber nicht nur Ideen wanderten zu Apple. So wie einst Forscher von Augmentation Research Center zu PARC wechselten, gingen nun einige von PARC zu Apple, um an den Lisa- und Macintosh-Projekten mitzuarbeiten. Darunter war Larry Tesler, der 1980 hinzukam und sich in einer leitenden Position für ein modusloses Design aller Applikationen einsetzte.

„The Lisa software engineers internalized modeless editing principles and found clever ways to make their applications modeless. My job was to manage them and make evidence-based decisions about the design of the interface.“
— Larry Tesler [7]

Ein modusloses Bedienkonzept, das bei Xerox PARC bereits erfolgreich bei einem Texteditor umgesetzt wurde, sollte nun auch bei einem Grafikeditor eingeführt werden. Dabei wurde der gleiche Ansatz wie beim Texteditor verfolgt: Der Nutzer nimmt zuerst eine Auswahl vor und führt dann einen Befehl aus.

„The Lisa editor was modeless in that you would stretch out a rectangle of marching ants [Auswahlrahmen mit animierter Strichelung], and then say ‚Put an oval in it‘ […]. You'd get no feedback that you were making an oval. And when you thought about making a curved line, that became ridiculous, stretching out a rectangle that was going like this and now saying ‚put a curved line in it,‘ that was a joke.“
— Bill Atkinson [8]

Bill Atkinson war im Team von Larry Tesler und teilte dessen Leidenschaft für einfache Bedienkonzepte. Er erkannte, dass dieser Ansatz für einen moduslosen Grafikeditor zu umständlich war und es ein Zeichenwerkzeug geben sollte. Obwohl er ebenfalls ein modusloses Konzept bevorzugte, sah er einen Stift oder einen Radierer in der Hand als einen natürlichen Modus und schlug dafür eine bewusste Ausnahme vor.

„I was arguing that we needed to be in a mode for the creation stroke, like you grab a crayon and you draw with it and every stroke you make a crayon mark. You pick it up. Instead, a marker and every stroke is a marker or an eraser and these are really modes. You're in eraser mode.“
— Bill Atkinson [8]

Anders als bei Xerox PARC, wo Forscher ohne Zeitdruck Lösungen entwickeln konnten, stand bei Apple der zeitnahe Marktstart des Lisa- und Macintosh-Computers bevor. Um die knappe Zeit optimal auszunutzen, hat Bill Atkinson oft nachts Software gebaut, die dann tagsüber von anderen getestet wurde. Er schlug eine Werkzeugleiste vor, um das Problem mit der Zeichen-App zu lösen und erstellte dafür ein Testprogramm.

„So, I had to make a little mock up. I realized, okay, if there's going to be a mode for the tool that you're in, that mode has to be in front of your face and visible, so that at least it isn't a hidden mode. If you select a tool from a menu, it's not really in front of you like a palette, and that was the origin of a tool palette; I wanted to put it out there on the screen. You can see at any moment at a glance, what tool am I in? Is this stroke going to erase some stuff or going to draw with marker or et cetera?“
— Bill Atkinson [8]

Für die Tests wurden bewusst auch Nutzer ohne Computererfahrung ausgewählt, um zu beurteilen, wie selbsterklärend ein Interface ist. Bill Atkinsons Werkzeugleiste war dabei erfolgreich und er konnte damit sein Team überzeugen. Daraufhin enthielten alle drei Grafikeditoren, die sich zu dieser Zeit bei Apple in Entwicklung befanden, eine Werkzeugleiste: LisaDraw, MacDraw und MacPaint. Der Lisa-Computer kam mit LisaDraw 1983 auf den Markt und der Macintosh mit MacDraw und MacPaint ein Jahr später.

MacPaint
MacPaint [9]

Der Trend zur Vereinfachung war auch bei der Lisa- und Macintosh-Maus sichtbar, die nur noch eine Taste hatte. Das wurde später von einem Miterfinder der Drei-Tasten-Maus und Mitarbeiter von Doug Engelbart scherzend als one of the greatest mistakes in product history [10] bezeichnet. Erst 2005 führte Apple mit der Mighty Mouse wieder die Option für eine zweite Taste ein und 2009 mit der Magic Mouse zusätzlich Touchgesten. Multitouchgesten wie auf den MacBook-Trackpads sind nicht mehr selbsterklärend, ermöglichen aber eine effektivere Nutzung, was ganz im Sinne von Doug Engelbart war.

Auch andere Firmen wie Adobe setzten nach MacPaint auf eine Werkzeugleiste, wobei die Anzahl der Werkzeuge immer weiter erhöht wurde. So passten bei Photoshop 1.0 aus dem Jahr 1990 noch alle Werkzeuge in die Leiste. Später reichte der Platz nicht mehr aus und die Leiste bekam Menüs. Auch Larry Tesler scheint seinen Frieden mit der Werkzeugleiste gefunden zu haben:

„As for graphics editors, I agree with the common wisdom that modes can be good when they support a metaphor like picking up a brush, and when feedback identifying the current mode is displayed where the user is almost certain to be looking.“
— Larry Tesler [7]

Es kann aber sicherlich angenommen werden, dass Larry Tesler einen moduslosen Grafikeditor sehr geschätzt hätte. Aber wie könnte ein neuer Ansatz dafür aussehen? Oder ist das prinzipiell nicht sinnvoll lösbar?

Square Sketch

Square Sketch wird von mir seit 2023 aktiv entwickelt und ist ein neuer Versuch für einen moduslosen Grafikeditor. Vor der aktiven Entwicklung habe ich bereits Prototypen dafür gebaut, um verschiedene Ideen zu testen. Im Juni 2026 erschien Version 2.0.0 für macOS und Windows.

Die Zeichen-App orientiert sich an Stift und Papier mit dem Unterschied, dass statt Freihandstrichen und Handschrift dafür exakte geometrische Formen und getippter Text vorgesehen sind. Das Fenster soll wie bei einem Blatt Papier nur die Zeichenfläche zeigen und deshalb keine Werkzeugleiste besitzen.

Square Sketch
Square Sketch

In den nächsten Abschnitten beschreibe ich, wie ich die Werkzeugleiste in drei Schritten durch ein modusloses Bedienkonzept ersetzt habe.

Reduzierung der Werkzeuge

Der erste Schritt für das Weglassen der Werkzeugleiste ist die Reduzierung der Werkzeuge. Bei Stift und Papier reicht ein Werkzeug, nämlich der Stift in der Hand, um geometrische Formen zu zeichnen und Text zu schreiben. Square Sketch nutzt das gleiche Prinzip, sodass mehrere klassische Werkzeuge aus anderen Grafikeditoren zu einem einzigen Zeichenwerkzeug verschmelzen.

Es kann argumentiert werden, dass auch bei Stift und Papier zusätzlich Lineal und Zirkel für exakte geometrische Formen nötig sind und klassische Grafikeditoren das nachbilden. Allerdings bietet Software mehr Möglichkeiten und es kann am Verlauf des Zeichenwerkzeugs (der Geste) erkannt werden, ob beispielsweise eine Linie oder ein Kreis gezeichnet wird.

Reduzierung der Werkzeuge Reduzierung der Werkzeuge
Reduzierung der Werkzeuge

Die Gesten sollen so einfach und intuitiv wie möglich sein, wobei folgende Gedanken dahinterstehen:

Beim Testen hat sich herausgestellt, dass die Rechteckgeste häufig irrtümlich erkannt wurde. Es war für die App schwer zu unterscheiden, ob beim Linienzeichnen nur der Winkel der Linie geändert oder ein Rechteck gezeichnet werden soll. Durch das Weglassen der Rechteckgeste hat die App besser funktioniert und ein Rechteck wird wie von Stift und Papier gewohnt aus vier einzelnen Linien zusammengesetzt. Somit hat ein Rechteck auch keine Sonderstellung mehr, sondern wird wie ein Dreieck oder andere Vielecke gezeichnet. Wird ein Rechteck häufig benötigt, kann es durch Kopieren und Einfügen vervielfältigt werden.

Fun Fact: Auch in Sketchpad aus den 1960er Jahren gab es keine direkte Möglichkeit zum Zeichnen von Rechtecken. Vielleicht weil das Rechteckwerkzeug erst später erfunden wurde. Aber vielleicht war es auch einfach nur zu selbstverständlich, dass ein Rechteck aus vier Linien gebaut wird.

Gesten werden heutzutage vor allem auf Trackpads, Smartphones und Tablets benutzt, um mit zwei Fingern den Inhalt auf dem Bildschirm zu vergrößern oder zu drehen. Sie sind einfach und intuitiv, aber das Interface zeigt nicht, welche Gesten unterstützt werden. Square Sketch löst das, indem beim ersten Start ein Tutorial angezeigt wird. Dieses kann auch später über das Hilfemenü erneut geöffnet werden.

Weitere Werkzeuge über Modifier-Tasten

Nach der Reduzierung der Werkzeuge ist der zweite Schritt die Belegung der Modifier-Tasten mit weiteren grundlegenden Werkzeugen. Auf einem Mac stehen vier Tasten zur Verfügung (Umschalt, Command, Option und Control) und auf einem PC drei (Umschalt, Strg und Alt). Es gibt also mindestens drei Tasten, die selbst moduslos sind und damit beispielsweise keine Zeichen einfügen, wenn sich der Cursor in einem Textfeld befindet.

Weitere Werkzeuge über Modifier-Tasten Weitere Werkzeuge über Modifier-Tasten
Weitere Werkzeuge über Modifier-Tasten

Folgende Gedanken stehen hinter der Belegung:

Das Zeichenwerkzeug ist standardmäßig aktiv, sodass wie bei Stift und Papier direkt losgezeichnet werden kann. Die anderen Werkzeuge sind nur so lange aktiv, wie deren Modifier-Taste gedrückt gehalten wird. Dieses Verhalten ist so gewählt, da das Werkzeug sonst wieder ein klassischer Modus wäre. Das Halten von Modifier-Tasten ist Nutzern von Tastenkürzeln gewohnt.

Für die Bedienung sind damit beide Hände ähnlich wie bei Stift und Papier erforderlich, wo eine Hand den Stift hält und die andere Hand das Papier fixiert. Bei Square Sketch kann die Hand, die sonst das Papier fixiert, auf den Modifier-Tasten ruhen. Das ermöglicht einen schnellen Werkzeugwechsel und einen Effekt, den ich in einem eigenen Abschnitt später beschreibe.

Die Belegung der Modifier-Tasten wird in der unteren linken Ecke der Zeichenfläche angezeigt, kann jedoch über die Einstellungen ausgeblendet werden.

Weitere Formen durch Kombination

Nach der Reduzierung der Werkzeuge und der Belegung der Modifier-Tasten ist der dritte Schritt die Kombination der vorhandenen Möglichkeiten für weitere Formen. So wie ein Rechteck eine Kombination von vier Linien ist, können weitere Formen ebenfalls durch eine Kombination gebildet werden. Die Idee ist, dass dabei nicht nur geometrische Formen, sondern auch Werkzeuge und Tasten kombiniert werden.

Weitere Formen durch Kombination Weitere Formen durch Kombination
Weitere Formen durch Kombination

Auf diese Weise können folgende Formen gebildet werden:

Überraschender Effekt

Bei Stift und Papier kann der Stift beim Zeichnen oder Schreiben nach kurzer Zeit aus dem Bewusstsein verschwinden, so dass der Fokus vollständig auf dem Inhalt des Blattes liegt. Erst wenn der Stift nicht mehr richtig funktioniert und gewechselt werden muss, rückt er als Werkzeug wieder ins Bewusstsein und lenkt von der eigentlichen Tätigkeit ab. Beim Wechsel des Stiftes oder beim Wechsel zu einem Radierer ist eine Hand-Auge-Koordination nötig, die bewusst abläuft. Das Gleiche ist nötig beim Zeigen und Klicken, um das Werkzeug einer Zeichen-App über die Werkzeugleiste zu wechseln.

Wenn ein Bleistift einen integrierten Radierer besitzt, dann ist für den Wechsel zum Radierer keine Hand-Auge-Koordination mehr nötig. Das Drehen des Stiftes läuft rein motorisch ab, was nach einer Lernphase unbewusst geschehen kann. Interessanterweise tritt der gleiche Effekt in Square Sketch auf, wenn eine Hand auf den Modifier-Tasten ruht und der Wechsel zum Verschiebe-, Auswahl- und Löschwerkzeug motorisch erfolgt.

Es war zu erwarten, dass durch das Weglassen der Werkzeugleiste das Interface unsichtbarer wird und durch die Minimierung der Werkzeugwechsel noch weiter in den Hintergrund rückt. Ich war allerdings überrascht, dass nach einer Lernphase der verbleibende Werkzeugwechsel rein motorisch und damit automatisch ablaufen kann. Dann verschwindet das Interface vollständig aus dem Bewusstsein, was auch als transparentes Interface bezeichnet werden könnte.

Synergie

Zwei Abschnitte zuvor habe ich beschrieben, wie aus einer Kombination vorhandener Möglichkeiten neue geometrische Formen gebildet werden können. Auch das Interface von Square Sketch ist eine Kombination aus verschiedenen Ideen.

Bereits in MacPaint, das von Bill Atkinson entwickelt wurde und durch die Werkzeugleiste modal ist, gab es Einflüsse von Larry Tesler und damit das Ziel, außer der Werkzeugleiste den restlichen Teil der App moduslos zu gestalten. Es gab auch Einflüsse von Doug Engelbart:

„I got to visit with Doug Engelbart […], and what he said to me […], ‚You're all focusing on you on um user friendly, and you know, walk up to it and intuitive. It just works like you would think it would, and you don't have to read a manual or anything.‘ And he says […] that that may end up limiting the depth that you can go, the power that you can get in for the experienced user, and he gave an example. He said, ‚Look how hard it is to learn to ride a bicycle but look at the power that it gives you. It's worth learning‘ […] I think it was within a week we had command keys on the menus.“
— Bill Atkinson [9]

Square Sketch hat mit dem Zeichenwerkzeug noch den Ansatz von Bill Atkinson: you grab a crayon and you draw with it and every stroke you make a crayon mark [9]. Allerdings ist der Einfluss von Larry Tesler größer als bei MacPaint, sodass das Ziel ein vollständig modusloses Interface ist. Auch der Einfluss von Doug Engelbart ist größer, sodass Tasten nicht nur für Menübefehle genutzt werden, sondern auch für den Werkzeugwechsel. Die Bedienung erfolgt wie bei NLS beidhändig und das Ruhen einer Hand auf den Modifier-Tasten erinnert an Doug Engelbarts Akkordtastatur. Für die Gesten ist über das Tutorial eine kurze Erklärung nötig. Nach Doug Engelbart lohnt sich eine Lernphase, wenn dadurch eine effektivere Nutzung möglich wird.

Bill Atkinson, Larry Tesler und Doug Engelbart hatten teilweise unterschiedliche Ansätze: Werkzeugleiste (Atkinson) vs. modusloses Interface (Tesler), einfach zu benutzen und selbsterklärend (Atkinson, Tesler) vs. effektiv (Engelbart), wenig Tasten und einhändig (Atkinson, Tesler) vs. viele Tasten und beidhändig (Engelbart). Aber aus der Kombination der Ideen konnte so etwas Wunderbares wie das transparente Interface entstehen, das ich im vorherigen Abschnitt beschrieben habe.

Zusammenfassung

Anfänglich waren Computer hauptsächlich Forschern vorbehalten. Die Bedienung war komplex und erforderte einen hohen Lernaufwand. Mit der Einführung der Personal Computer wurde mehr Wert auf eine einfache Bedienung gelegt, sodass diese auch von Büroangestellten mit geringem Lernaufwand genutzt werden konnten.

Die erste Werkzeugleiste erschien Mitte der 1970er Jahre in einer Zeichen-App bei Xerox PARC und prägt bis heute das Erscheinungsbild von Grafikeditoren. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort entstand das erste moduslose Interface bei einer Schreib-App, was heute nicht nur Standard in Texteditoren, sondern auch in den meisten anderen Apps ist. Bei Grafikeditoren verhindert die Werkzeugleiste mit dem Wechsel zwischen den Werkzeugen eine moduslose Bedienung, da jedes Werkzeug auch einen Modus bildet.

Anfang der 1980er Jahre gab es bei Apple den Versuch, auch ein modusloses Interface in einer Zeichen-App umzusetzen. Allerdings konnte sich der frühe Ansatz dafür nicht gegen eine Werkzeugleiste durchsetzen. Diese war nicht nur einfach zu bedienen, sondern auch selbsterklärend. Das Ziel der Entwickler war, dass nur noch ein minimaler oder gar kein Lernaufwand nötig ist, um auch Nutzer ohne Computererfahrung anzusprechen.

Später kamen dann Funktionen wie beispielsweise Multitouchgesten dazu, die zwar nicht mehr selbsterklärend sind, dafür eine effektivere Nutzung ermöglichen. Auch die unzähligen Tastenkürzel, die Apps mittlerweile haben, erfordern eine Lernphase, um davon zu profitieren.

Square Sketch ist ein neuer Versuch, ein modusloses Interface bei einer Zeichen-App umzusetzen und damit auf eine Werkzeugleiste zu verzichten. Um das zu erreichen, nutzt es Gesten und Modifier-Tasten. Damit ist es nicht mehr selbsterklärend, aber immer noch einfach zu bedienen. Nach einer Lernphase kann zudem ein erstaunlicher Effekt eintreten: Das Interface tritt nicht nur in den Hintergrund, sondern aus dem Bewusstsein. Die Konzentration liegt dann vollständig auf der Tätigkeit, wie beispielsweise dem Skizzieren einer Idee, und die App lenkt mit ihrem Interface nicht von dieser Aufgabe ab.

Inspiration

Die Geschichte von Square Sketch reicht zurück bis ins Jahr 2005, als die Medien über den Tod von Jef Raskin berichteten und ihn als Vater des Macintosh bezeichneten. Ich interessierte mich daraufhin für seine Arbeit und stieß auf sein Buch The Humane Interface, in dem er ausführlich über die Vorteile eines moduslosen Designs schrieb.

Ich war zu dieser Zeit auf der Suche nach einem spannenden Programmierprojekt und Jef Raskins Buch inspirierte mich, ein modusloses Interface für eine Zeichen-App zu entwickeln. Ich baute in den darauffolgenden Jahren in meiner Freizeit mehrere Prototypen. Zudem las ich mehr über Interface-Design und dessen Geschichte und wurde auf die Arbeit von Doug Engelbart, Larry Tesler und Bill Atkinson aufmerksam, die mich ebenfalls inspirierten.

Während ich die Zeichen-App entwickelte, starb Doug Engelbart 2013, Larry Tesler 2020 und Bill Atkinson 2025. Ihre Ideen sind die Basis für neue Ideen, die wiederum die Basis für neue Ideen sind. Ideen bleiben in der unendlichen Verkettung eingewoben und sind damit unsterblich.

Quellen

[1] Computer History Museum (2024): Sketchpad (YouTube)

[2] Doug Engelbart Institute (2022): 1968 "Mother of All Demos" with Doug Engelbart & Team (2/3) re-mastered (YouTube)

[3] Computer History Museum (2023): SuperPaint H264 SD sq 4x3 AAC mono 2pass (YouTube)

[4] Computer History Museum (2017): Yesterday's Computer of Tomorrow: The Xerox Alto │Draw and Markup Demos (YouTube)

• [4a] Markup 11:28 (YouTube)

• [4b] Draw 5:22 (YouTube)

[5] Brad A. Myers (1996): A Brief History of Human Computer Interaction Technology (Carnegie Mellon University)

[6] Computer History Museum (2018): Alto System Project: Dan Ingalls demonstrates Smalltalk (YouTube)

• [6a] BitRect 1:25:30 (YouTube)

[7] Tesler, Larry (2012): A personal history of modeless text editing and cut/copy-paste (ACM Interactions)

[8] Computer History Museum (2004): Oral History of Andy Hertzfeld and Bill Atkinson (Computer History Museum)

[9] Computer History Museum (2010): MacPaint Interview and Demonstration, with Bill Atkinson and Andy Herzfeld (YouTube)

[10] Computer History Museum (2013): White Rabbit: Interview with Doug Engelbart and Bill English, Moderated by John Markoff (YouTube)

Hinweise

Die ersten Abbildungen bis MacPaint sind Schwarz/Weiß-Screenshots aus den verlinkten YouTube-Videos. Die letzten Abbildungen ab Reduzierung der Werkzeuge habe ich direkt in Square Sketch erstellt. Für die englische Version habe ich jeden Absatz der deutschen Ursprungsversion einzeln mit KI-Unterstützung übersetzt, das Ergebnis geprüft und bei Bedarf angepasst.